Dieser Beitrag handelt von zwei Männern, ihren Firmen und welche unterschiedlichen Produktlösungen es für die gleichen Anforderungen geben kann.
Männer und ihre Kameras
1954 nahm die Firma Hasselblad zum ersten Mal an der Photokina in Köln teil. Diese galt lange Jahre als Leitmesse für die Foto-, Video- und Imaging-Branche. Victor Hasselblad (1906 – 1978) und seine Frau Erna waren vor Ort. Er traf dort den deutschen Konstrukteur Reinhold Heidecke (1881 – 1960). Dieser hatte 1920 zusammen mit Paul Franke (1888 – 1950) in Braunschweig die «Werkstatt für Feinmechanik und Optik, Franke & Heidecke» gegründet, die mit den Rolleiflex-Kameras Weltruhm erlangte.
Hasselblad und Heidecke verstanden sich anscheinend auf Anhieb gut und so lud Hasselblad den Deutschen zu sich nach Schweden ein. Dieser nahm die Einladung im folgenden Jahr an.
Auf dem Landsitz von Hasselblad entstand dieses Foto, das die beiden mit ihren jeweiligen Kameras zeigt:

Nun waren die beiden Männer ja auf dem Kameramarkt Konkurrenten, ihre Firmen stellten Kameras für das gleiche Filmformat her. Man entschied sich aber zu einem fotografischen «Nichtangriffspakt». Rollei würde keine Spiegelreflexkamera mit einer Linse entwickeln, Hasselblad würde keine zweilinsige Reflexkamera herstellen. Und so war es dann auch bis 1966. Heidecke war in der Zwischenzeit verstorben.
Andere Quellen erzählen eine ganz andere Geschichte. Bereits 1953 habe man bei Rollei erkannt, dass die einlinsigen Kameras Vorteile hätten und eine Konkurrenz werden könnten. Da die Verkaufszahlen der Rolleiflex aber gut waren und die ersten Versuche mit Prototypen kostspielig, gab man die Entwicklung (vorderhand) auf.
Auftritt: Rolleiflex SL 66




1966 wurde auf der Photokina die Rolleiflex SL 66 vorgestellt, somit 18 Jahre nach der ersten Hasselblad, der 1600F. Ich werde sie im Folgenden mit der Hasselblad 500C/M vergleichen, die ab 1970 erhältlich war.
Im Vergleich zur Hasselblad

Die beiden Kameras teilen sich die folgenden Spezifikationen:
- Filmformat 6×6 Mittelformat
- Mechanische Konstruktion
- Objektivlinie von Carl Zeiss, Oberkochen
- Abnehmbare Filmkassetten
- Kein eingebauter Belichtungsmesser
So weit, so gut. Konstruktive Unterschiede gibt es aber auch, und zwar einige:
| Rolleiflex SL 66 | Hasselblad 500 C/M | |
| Verschlusstyp | Schlitzverschluss im Kameragehäuse | Zentralverschluss im Objektiv |
| Kürzeste Verschlusszeit | 1/1000 Sekunde | 1/500 Sekunde |
| Schwenkbare Objektivstandarte | Ja | Nein |
| Objektive in Retrostellung | Ja | Nein |
| Balgenauszug | Ja | Nein |
| Blitz-Synchronzeit | 1/30 Sekunde | Bis 1/500 Sekunde |
Rollei wollte mit dieser Kamera ganz offensichtlich die Konkurrenz nicht nur einholen, sondern überholen. Mit der schwenkbaren Objektivstandarte ist es möglich, die Schärfenebene zu verändern. Der ausziehbare Balgen ermöglicht es, Makroaufnahmen zu machen. Zusätzlich können die Objektive verkehrt herum montiert werden, was in der Makrofotografie Abbildungsverhältnissen über 1-fach ermöglicht. Insgesamt wurde eine sehr vielseitige Kamera auf den Markt gebracht, wie es sie bislang für Mittelformatfilm nicht gab.



Diese zusätzlichen Features führen dazu, dass die Kamera mit dem Standardobjektiv 80mm f/2.8 ein halbes Kilo schwerer ist als die Hasselblad mit dem Objektiv der gleichen Brennweite. Auch das Filmmagazin ist leicht schwerer. Allerdings sind die Objektive der Rollei zum Teil deutlich leichter, denn sie enthalten keinen Verschluss. Eine Standardausrüstung mit Kameragehäuse, zwei Filmmagazinen und den drei Festbrennweiten 80mm, 50mm und 150mm ist bei beiden Marken praktisch gleich schwer.
Gewichtsvergleich in Gramm:
| Rolleiflex SL 66 | Hasselblad 500C/M | |
| Kamera mit 80mm f/2.8 | 1’940 | 1’410 |
| Filmmagazin | 430 | 390 |
| Objektiv 80mm f/2.8 | 330 | 450 |
| Objektiv 150mm f/4 | 620 | 730 |
| Objektiv 50 f/4 | 630 | 920 |
| Standardausrüstung | 3’620 | 3’450 |
Allgemeine Bedienung
Die Hasselblad ist deutlich ergonomischer gestaltet. Es ist klar, dass die linke Hand die Kamera von unten hält und den Auslöser betätigt, während die rechte Hand sich um Blende, Verschluss und Filmtransport kümmert.
Die Rolleiflex fühlt sich aufgrund von Form und Gewicht wie ein Klotz an. Hält man sie gleich wie die Hasselblad, weiss man nicht, wo man den linken Daumen positionieren soll. Meistens liegt er auf dem Blitzschuh, was nicht wirklich angenehm ist. Da sich die Bedienelemente sowohl vorne am Objektiv als auch auf beiden Kameraseiten befinden, muss man immer wieder umgreifen.
Filmhandling
Interessant finde ich die Lösung bei der Rolleiflex, was das Filmmagazin betrifft. Entfernt man dieses, merkt man, dass die linke Kameraseite durchgängig ist, was die Stabilität der Konstruktion erhöht. Das Magazin lässt sich von hinten bestücken, nicht von der Seite, wie bei der Hasselblad. Der Magazinschieber wird von oben eingeschoben, was ich einfacher finde als die seitliche Lösung bei der Hasselblad, bei der man leicht verkantet. Bei der Hasselblad weiss man nie, wohin mit dem Magazinschieber beim Fotografieren. Die Rolleiflex bietet dazu eine Lösung: man kann den Schieber von unten am Magazin versorgen. Hasselblad hat das erst später eingeführt.



Verschluss und Filmtransport
Hier zeigt sich, aus welchem Stall die Kamera stammt. Die Drehkurbel auf der rechten Seite wird nämlich gleich bedient wie bei den zweilinsigen Rolleiflex. Die Drehung im Uhrzeigersinn spannt den Verschluss, die Drehung in die Gegenrichtung transportiert den Film.


Verarbeitungsqualität
Im direkten Vergleich wirkt die Hasselblad feiner verarbeitet, elaborierter. Das Gehäuse der Rolleiflex wirkt etwas grobschlächtig. Vermutlich kann man sie auch zur Selbstverteidigung einsetzen. Die Form der Kamera erinnert mich sehr an die Zenza Bronicas S2 und S2a.
Mein Fazit
Ich frage mich, für welche Zielgruppe die Rolleiflex SL 66 gedacht war. Offensichtlich sollten es Fotografen sein, die sich auch für die Makrofotografie begeistern, denn in diesem Anwendungsfeld bietet die Kamera sehr viele Möglichkeiten. Als eher eingeschränkt empfinde ich die Einstellmöglichkeiten in der Schärfeneben. Wer sich hier austoben möchte, ist mit einer Fachkamera besser bedient.
In der Anwendung war die Kamera problemlos. Das Gewicht von fast zwei Kilo – mit dem leichtesten Objektiv wohlgemerkt – macht sich nach einiger Zeit bemerkbar. Wenn man die beschriebenen Spezialfunktionen kaum braucht, stellt sich die Frage, ob man nicht die leichtere Hasselblad vorziehen sollte.
Und leider gibt es noch ein weiteres Argument, das gegen die Rolleiflex spricht. Wie mir der Fotohändler meines Vertrauens berichtete, sind Reparaturen an diesem Modell schwierig, wenn nicht unmöglich. Leider leidet auch mein Exemplar an Problemen, und zwar beim Filmtransport; meistens überlappen sich die Aufnahmen.
Quellen:
Victor Hasselblad, The Man Behind The Camera, Sören Gunnarsson, journal, 2016