Im Gewerbemuseum Winterthur läuft noch bis am 21. Januar 2024 eine interessante Ausstellung, die einen Bereich der Fotografie beleuchtet, der in der Regel nicht beachtet wird. Es geht um die Frage, welche ökologischen, gesundheitlichen und sozialen Auswirkungen die Produktion der für die Fotografie notwendigen Mittel hat.

Die analoge Welt
In der bis zum Ende des 20. Jahrhunderts dominierenden analogen Fotografie wird die Herstellung der Filme und die Produktion der lichtempfindlichen Fotopapiere beleuchtet, und zwar die gesamte Herstellungskette, von der Schürfung der Metalle, des Anbaus der Papierbestandteile bis zur Lieferung, Produktion und Vertrieb.
Zitate aus der Ausstellung:
- «Im 19. Jahrhundert sind es Salz, Kupfer und Silber, die für die ersten Fotografien auf Kupferplatten und für Salzpapierabzüge genutzt werden. Mit dem Aufkommen der Silbergelatineabzüge im späten 20. Jahrhundert wird die Fotoindustrie mit über der Hälfte des weltweiten Verbrauchs zur wichtigsten Abnehmerin für Silber.»
- «Die Fotoindustrie bleibt die größte Abnehmerin von Silber weltweit, auch nach 1979, als der massiv ansteigende Börsenwert des Edelmetalls zu kleineren Formaten wie dem Pocketfilm führt und die Forschungen zur Digitalfotografie beflügelt.»
- «Die massenhafte Herstellung von Fotografien wird erst mit dem Trägermaterial Papier möglich und hat ihren Preis. Über weite Teile des 19. Jahrhunderts besteht Fotopapier vorrangig aus Baumwoll- und Flachsfaserlumpen.»
- «Die steigende Nachfrage veranlasst die Hersteller nach einer Alternative zur Baumwolle zu suchen. Bei einem in Deutschland perfektionierten Verfahren wird Holz in Schwefelsäure gekocht, um es in einzelne Zellulosefasern zu zerlegen. Zur Beschichtung der Papiere, in die lichtempfindliche Substanzen eingebettet sind, werden Stoffe tierischen Ursprungs wie Albumin und Gelatine verwendet.
- Das führt zur Abhängigkeit von industrialisierter Landwirtschaft und Schlachthöfen. Ein einziger Fotopapierhersteller in Dresden hat jährlich sechs Millionen Eier verbraucht. Noch 1999 verarbeitet Kodak jedes Jahr über dreißig Millionen Kilogramm Rinderknochen.»
So wird einem bewusst, dass die Fotografie letztlich ein Kind ist zweier Disziplinen: Physik und Chemie.
Die digitale Welt
Wer nun glaubt, dass mit den Digitalkameras alles besser wurde, wird in der Ausstellung eines Besseren belehrt.
Natürlich sind nicht mehr diese Mengen an Silber zur Filmherstellung notwendig wie früher, auch wenn die analoge Fotografie ein Comeback feiert – das in den letzten beiden Jahren durch die hohen Herstellungskosten für Filme deutlich gebremst wurde.
Aber, es braucht halt nun andere Rohstoffe für Fotoapparate, Speichermedien, die ganzen Infrastrukturen, auf welchen wir unsere Fötelis speichern. Schätzungen zufolge wurde 2021 1 Billion Bilder (das sind 1’000’000’000’000) produziert, 90 Prozent davon mit Smartphones. Die Speicherung in der Cloud lässt es zu, dass unsere Nutzerdaten von Megakonzernen ausgebeutet werden können.
Von den 118 Elementen im Periodensystem werden bis zu 75 in einem Smartphone verbaut, darunter sind auch sogenannte «Konfliktmineralien», deren Abbau mit Zwangsarbeit verbunden sind. Und die dauernd notwendig erscheinende Erneuerung unserer Geräte (wer hat noch ein Iphone 6? Ich auch nicht…) führt zu einer unglaublichen Menge an Elektroschrott; Zitat Ausstellung: «2019 haben wir 54 Millionen Tonnen Elektroschrott produziert, wobei Nordeuropa weltweit den höchsten Pro-Kopf-Anteil verursacht».
Was nun?
Die Ausstellung hebt in keiner Art den Mahnfinger oder kommt moralinsauer daher. Es ist an jeder und jedem selbst, Schlüsse zu ziehen. Wie immer, wenn es um globale ökologische Fragen geht, dreht es sich sofort um den eigenen Beitrag dazu. Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass die eigenen Fotos «den Braten nicht feiss machen». Für alle anderen gilt es wohl, im eigenen Wirkungsbereich Veränderungen zu suchen. Bekanntlich sind Veränderungen immer mit Aufwand verbunden, in der Regel zuerst mit gedanklichem. Hier also meine Gedanken, ohne Aufruf diesen zu folgen oder in allem einverstanden zu sein, und ohne Aussage, alles schon perfekt zu befolgen:
- Reduktion des verbrauchten Speicherplatzes: Fotos löschen; welche Fotos sind es wert, gespeichert zu werden, welche Fotos kann ich in einem weniger speicherintensiven Format ablegen?
- Verlängerung der Gebrauchszyklen: Wie oft brauche ich eine neue Kamera, ein neues Smartphone? Gebrauchtkauf statt Neukauf.
- Jedes Mal beim Abdrücken, besonders in der analogen Welt: Bin ich überzeugt, dass das Foto «notwendig» ist?
- Beim Film entwickeln: Chemikalien möglichst aufbrauchen und natürlich, korrekt entsorgen.
Der dritte Punkt ist wohl der schwierigste, denn dies geschieht, je nach Genre, im Bruchteil von Sekunden. Aber in Anlehnung an den «concerned photographer», wie ein Werner Bischof* es war, braucht es vielleicht nun auch den «conscious photographer».
*zweite Ausstellungsempfehlung: Werner Bischof, Unseen Colour/ Fotostiftung Schweiz, Winterthur vom 26.08.2023 bis 28.01.2024