Nähe und Natur: Die Bilder von Claudia Andujar im Fotomuseum Winterthur
Die Yanomami sind ein indigenes Volk, das im Grenzgebiet Brasilien-Venezuela lebt. Die Fotografin Claudia Andujar, geboren 1931, hat über Jahrzehnte mit ihren Fotos die Öffentlichkeit in Brasilien aber auch im Ausland über die Lebensweise und Probleme der Yanomami aufgeklärt, dies mit einigem Erfolg. Die Gier der Weissen nach dem Siedlungsgebiet ist aber auch 2021 leider noch aktuell.
Die Bilder
Anscheinend hatten die Yanomami zu Beginn Vorbehalte gegen das Fotografiert-Werden. Sie leben in einer beseelten Welt, alles hat spirituelle Anteile, und so verwundert es nicht, dass ein Foto auch einen Teil der Seele der abgebildeten Person aufnehmen kann.
Claudia Andujar hat viel mit Weitwinkel gearbeitet und ist nahe an die Portraitierten herangetreten. Diese sind bei der Ausübung alltäglicher Verrichtungen abgebildet, man betritt ihre Hütten, findet sich inmitten von Gruppenzusammenkünften, erhält einen Eindruck über die sie umgebende Natur. Die Nähe führt aber auch zu einem Unbehagen auf der Seite des Betrachters; man fühlt sich wie ein Eindringling, und die viele nackte Haut führt zu einer ungewohnten und ungewollten Intimität.
Es handelt sich nicht um klassische Dokumentarfotos, die oft möglichst klar und scharf sein sollen, im Gegenteil. Claudia Andujar hat eine sehr kunstvolle Herangehensweise, arbeitete mit Filtern, Doppelbelichtungen, Unschärfe. Portraits sind mit „available light“ belichtet.
Culture Clash
In der Ausstellung wird ein Video gezeigt, das sowohl ein Interview mit Claudia Andujar ist als auch ihren Besuch bei den Yanomami zeigt. Es ist schnell klar, dass die 90-Jährige sehr starke und freundschaftliche Bindungen aufgebaut hat, die die Kulturen überschreiten. Hier die „moderne“ Zivilisation mit europäischen Wurzeln, dort die indigene Welt. Vor dem Hintergrund der menschengemachten Klimaprobleme schäme ich mich bei den Worten des Häuptlings, der die Tatsache benennt, dass wir Weissen die Erde in Besitz nehmen, wo immer wir können, wenn es sein muss auch mit Gewalt. Und anscheinend kriegen wir den Hals nie voll, konsumieren so viel es geht. Der Schreibende nimmt sich da nicht aus, denn natürlich, auch der Besuch dieser Ausstellung ist Konsum. Der eigenen Welt zu entkommen, das ist schwierig.