Wer sich für die Geschichte der Fototechnik interessiert, der findet in Deutschland viele Spuren, denn unser nördliches Nachbarland war reich an Herstellern von Kameras, Filmen, Objektiven und allerlei Zubehör. In der Schweiz ist das nicht so. Es gab aber mal eine Firma, die Kameras produzierte, und zwar in einem beschaulichen Dorf im Waadtländer Jura.

Der Ort des Geschehens: Ballaigues
Ballaigues liegt auf 861 m.ü.M. drei Kilometer nordöstlich von Vallorbe und erstreckt sich am Südhang der Suchet-Kette über dem eingeschnittenen Flusslauf der Orbe. Die Gemeindegrenze erstreckt sich bis auf über 1200 Meter, wo Jurahochweiden und Fichten zu finden sind. Die Grenze zu Frankreich ist nicht weit. Heute hat der Ort ungefähr 1’200 Einwohner. Etwas mehr als 100 Jahre zurück erlebte der Ort eine touristische Blüte, und zwar in der Zeit der …
Belle Epoque
«Verklärende Bezeichnung für die Zeit von etwa 1895 bis 1914, in der das Bürgertum, seine Lebensweise und Kultur, sein auf Wissenschaft und Technik gegründeter Fortschrittsglaube triumphierten, selbst in Staaten, wo aristokratische Eliten noch immer über eine starke Stellung verfügten.» Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz
Damals entstanden in Ballaigues mehrere Hotels für die gehobene Schicht, insgesamt mit einer Kapazität von ebenso vielen Betten wie Einwohnern. Die Gäste kamen wegen der hoch gepriesenen Juraluft, aber auch um Waldspaziergänge, Tannennadelbäder, Tennis und Wintersport zu geniessen. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges war der Zauber zu Ende, der Tourismus als Einnahmequelle nahm stark ab, und so verwundert es nicht, dass man ein geübtes Auge braucht, um noch etwas von der glänzenden, touristischen Vergangenheit von Ballaigues zu entdecken. Von den umgebauten oder zerstörten Hotelgebäuden erinnert nur noch das einstige Hotel Aurore daran.








Industrialisierung
So suchte man nach neuen Erwerbsquellen und fand diese im Weinhandel, in der Herstellung von zahnärztlichen Instrumenten und eben auch in der Gründung eines Kameraherstellers in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts.
Heute ist die Industrielandschaft von Ballaigues multinational geprägt. Dentsply-Sirona ist eine multinationale Holding und ein führender Hersteller von Dentalinstrumenten und beschäftigt rund 700 Mitarbeiter. Erwähnenswert sind auch Rouages SA, ein Familienunternehmen in der Uhrenindustrie und Mikromechanik mit rund 70 Mitarbeitern; Manuplast, ein weiteres familiengeführtes Kunststoffspritzgussunternehmen mit rund 40 Mitarbeitern; und N&N Swiss Burs, dessen 30 Mitarbeiter Werkzeuge für die Schmuckindustrie herstellen. Hinzu kommen einige kleinere Werkstätten und Unternehmen im Bau- und Dienstleistungssektor, darunter ein Pflegeheim in einem ehemaligen Hotel mit rund 50 Arbeitsplätzen.
Pfingstmontag in Ballaigues
Wir besuchten das Dorf an einem Feiertag, und natürlich war es ruhig und beschaulich. Nur wenige Personen waren auf den Strassen, meistens spielende Kinder oder Wanderer, die an der Bushaltestation auf den nächsten Bus warteten.






Auf der Suche nach dem ehemaligen Fabrikgebäude erhielten wir rasch eine Auskunft. Ein älterer Herr konnte uns genau erklären, wo die ALPA hergestellt wurde. Ich hatte natürlich meine Kamera dabei, und so war seine nächste Frage, welches Modell es sei. « Le modèle 9d, mon papa a également travaillé dessus à l’époque. », sagte er nicht ohne Stolz.
Zuerst Hotel, dann Fabrikgebäude
Die Hotel-Pension «Beau-Site» wurde 1898 von Edouard Cuendet zur gleichen Zeit erbaut, wie das «Hôtel Aurore», mit dem es viele Gemeinsamkeiten aufwies. Beide Hotels hatten eine Kapazität von 60 Zimmern mit 90 Betten, verfügten über einen Tennisplatz und wurden auch zur selben Zeit wieder geschlossen (1918).
Das Hotel bot seinen Gästen die Tannenknospenbäder an, eine Spezialität aus der Region, deren prächtige Tannenwälder von den damaligen Touristen sehr geschätzt wurden. Letztere wurden von Einheimischen liebevoll auch als «Ausländer» bezeichnet, was Ballaigues zum «Fremdenort ersten Ranges» machte, wie man in den Reiseführern des frühen 20. Jahrhunderts nachlesen kann.
Nach der Schliessung wurde die Hotel-Pension «Beau-Site» in eine Fabrik für Bestandteile der Uhrenindustrie umgewandelt. Ab 1942 produzierte die Firma Pignons SA dort die ALPA-Kameras, für die sie weltbekannt war.






Eine ALPA kehrt an den Ursprung zurück.

Gleich hinter den Gebäuden findet man im Wald die Überreste einer Römerstrasse. Überall Geschichte…


