Die Geschichte der Kameramarke FED nahm vor weniger als hundert Jahren ihren Anfang und ist eng verknüpft mit der Industrialisierung der Sowjetunion.
Der Text beruht auf folgenden Quellen:
- Jean Loup Princelle: The Authentic Guide to Russian and Soviet Cameras (inkl. Zitate)
- Oscar Fricke: The Dzerzhinsky Commune: Birth of the Soviet 35mm Camera Industry
Die Anfänge
Vor der Oktoberrevolution gab es in Russland keine optische Industrie, die diesen Namen verdient hätte. Nachdem die Firma Leitz 1925 die 35mm-Kamera an der Messe in Leipzig vorgestellt hatte, entstand in der Sowjetunion die Idee, diesem Beispiel nachzueifern. Hauptgrund war der Wunsch nach Unabhängigkeit von ausländischen Anbietern.
Die erste 35mm-Kamera war dann eine FED, produziert 1932/33, die eine Eins zu Eins Kopie der Leica I(a) war. Der Namensgeber für „FED“ war Felix Edmundovich Dzerzhinsky. Dabei handelte es sich um den Gründer der gefürchteten Sowjetischen Geheimpolizei.
Die Kommune
Wie kam es nun zu einem solch eigenartigen Markennamen? 1926 starb der 1877 geborene Dzerzhinsk, was das Ukrainische Politische Kommissariat zum Anlass nahm, eine Anstalt zu gründen und nach ihm zu benennen. In dieser Anstalt sollten Waisenkinder Unterkunft, Erziehung und Arbeit finden. In den frühen 1920ern lebten in der Sowjetunion Millionen von Kindern auf der Strasse und schlugen sich mit Betteln und Diebstahl durch. Anscheinend hatte Dzerzhinsky in seinen späten Jahren den Wunsch, diesen Kindern zu helfen, wohl eine Form von Altersmilde. Die Anstalt wurde Arbeiterkommune genannt und befand sich in der Umgebung von Charkiw, der zweitgrössten Stadt der Ukraine.
Der erste Direktor war Anton S. Makarenko, ein Erzieher, Dichter und Schriftsteller. Am Anfang wurden 150 Mädchen und Jungen zwischen 13 und 17 Jahren von 50 Erwachsenen betreut. Makarenko ging es darum, dass Arbeit und Erziehung Hand in Hand gehen sollten und kein Unterschied zwischen physischer und intellektueller Arbeit gemacht wurde.
Die ersten Produkte
Zunächst wurden Möbel, Schlösser und Schuhe hergestellt, und das recht erfolgreich, wie berichtet wird. Stalin wollte die Sowjetunion in grossen Schritten industrialisieren, dazu wurde 1928 der erste 5-Jahresplan lanciert. Ab 1931 wurden in der Kommune, mit Unterstützung der ansässigen Schule für Ingenieure, Bohrmaschinen produziert. Dabei handelte es sich um Kopien der Marke Black & Decker. 1932 begann man mit der Konstruktion einer Kamera nach dem Vorbild der Leica. Im gleichen Jahr war die Leica II lanciert worden, trotzdem orientierte man sich zunächst an der Leica I.
Die Hürden für die Massenproduktion der Kamera waren immens:
«Die Herausforderung für die Kommune ist von entscheidender Bedeutung: Neue Techniken und neue Werkzeuge für die Herstellung der mehr als 300 benötigten Teile werden entwickelt. Für die Werkzeuge sind Innentoleranzen von maximal 1 Mikron erforderlich.»
Und tatsächlich, das Wagnis macht sich bezahlt:
«Weniger als 18 Monate nach der Präsentation der Leica in Leipzig ist die prestigeträchtige Kamera kopiert und wird in Serie produziert, von einer «Bande von Jungen und Mädchen», mit einem Durchschnittsalter von 20 Jahren.»
Die Kameramodelle
FED «original»
1932 wurden drei Prototypen nach Vorbild der Leica I(a) hergestellt, im folgenden Jahr 30 Vorserien-Exemplare.
FED-I («Fedka»)
Die Fedka war eine Kopie der Leica II und wurde zwischen 1934 und 1955 700’000-mal hergestellt. Unterbrochen wurde die Produktion in den Kriegsjahren (1942-1945), die Fabrikation wurde hinter den Ural verschoben, damit sie nicht den Deutschen in die Hände fiel. Die FED-I wurde in verschiedenen Varianten hergestellt.
Die FED-2
1950 wurden zwei erste Prototypen dieses neuen Modells hergestellt, es folgten bis 1954 zwei Vorserien, wobei nur einige hundert Stück produziert wurden. Erst ab 1955 bis 1956 wurde die FED-2a hergestellt, ihr folgte die FED-2b von 1956 bis 1958 (dieses Modell werde ich im nächsten Beitrag näher betrachten). Fast zwei Millionen Stück wurden innerhalb von 16 Jahren produziert.
Die Folgemodelle
Das meisthergestellte Modell war mit über 2 Mio. Stück die FED-3. Es folgten die Modelle FED-4 bis FED-6. Die Kameraproduktion lief noch weiter bis ca. 1992.
Heute ist die Firma FED in der Maschinenindustrie tätig.